Das Heilige Antlitz

Volto Santo ManoppelloDas “Heilige Antlitz” ist ein zartes Schleier. Die waagerechten Fäden des Tuchgewebes sind wellförmig und einfach im Gefüge. Kette und Schuss verflechten sich im gewöhnlichen Webmuster. Das Tuch misst 17 x 24 cm. Es stellt ein männliches Gesicht mit langen Haaren und einem seitlichem Bartwuchs dar.

Die Abbildung kann von beiden Seiten betrachtet werden und erscheint reinweg gleich (einziger Fall auf der Erde). Die Farbtönung ist bräunlich, die Lippen sind leicht gerötet und entbehren jeglichem leiblichem Anblickes. Die von Prof. Donato Vittore aus der Universität von Bari sowie von Prof. Giulio Fanti aus der Universität von Padua geführten Erforschungen ergaben, dass das Tuch keine Rückstände und Farbpigmente aufweist. Die Wangen zeigen sich verschieden, die eine erscheint geschwollener bzw. geblähter als die andere.

Die Augen blicken eindrucksvoll auf etwas in die Höhe. Das Weiße im Augapfel und unterhalb des Iris sind Zeugnis dafür. Die Pupillen sind offen und ungleichförmig. Mittig oberhalb der Stirn befindet sich ein kurzer, gelockter Haarschopf.

Das Heilige Antlitz - von Heinrich Pfeiffer

Im Jahre 1618 verkaufte Marzia Leonelli an Donatantonio de Fabritiis von Manoppello für vier Scudis einen Gegenstand, der ganz und gar dem Tuch der Veronica aus der Veronica-Kapelle in Rom ähnelte, um ihren Ehemann, Pancratio Petrucci, aus dem Gefängnis von Chieti freizukaufen. Dieses wichtige Ereignis ist in einem Bericht, der “Relatione historica”, die um 1640 begonnen und 1646 angefertigt wurde, zu lesen. Der Bericht wurde von dem Kapuziner Padre, Donato da Bomba, in Manoppello aufgeschrieben. Von dieser “Relatione historica” werden zwei Exemplare im Provinzarchiv der Kapuziner in L’Aquila und eins im Kloster von Manoppello aufbewahrt. In derselben “Relatione” wird erklärt, dass der Schleier mit dem Christusbild im Jahre 1506 von einem Unbekannten nach Manoppello gebracht und von dem selben Unbekannten einem Ahnen Marzias Leonelli, dem Physiker Giacomo Antonio Leonelli, abgegeben worden sei. Das Tuch, das sich in keinem guten Zustand mehr befindet, sollte angeblich Marzia als Mitgift erhalten, als ihr Bruder jedoch die übergabe des wertvollen Gegenstandes verweigerte, sah sich ihr Mann, der Soldat Pancratio Petrucci, gezwungen, das wertvolle Tuchbild mit der Gewalt aus dem Haus seines Schwagers zu entwenden. Klar ist es, dass der historische Kern der “Relatione” zuverlässig ist; es bleibt nun nur die Genauigkeit des Verkaufsvertrages von 1618 zu überprüfen. Alle Ereignisse, die angeblich vor diesem Datum stattgefunden haben, sind mehr oder weniger erfunden. All das, was in den ersten Seiten der “Relatione” erzählt wird, hat Legendencharakter. Schon in der notariellen Urkunde von 1646 wird die “Relatione” als “historiam et legendam”, Geschichte und Legende, abwechselnd bezeichnet. Nach dem Jahre 1506, in dem gemäß der “Relatione” der Schleier nach Manoppello angekommen sein soll, erscheint kein Datum mehr bis zum Ende des folgenden Jahrhunderts. Nur in dem Exemplar, welches für den Generalminister bestimmt war, befindet sich am Rande des Vermerks bezüglich der gewaltsamen Aneignung des Schleiers seitens des Soldaten Pancratio Petrucci, von anderer Hand und mit anderer Tinte geschrieben, das Datum 1608; Es handelt sich um das Datum des Abrisses der Veronica-Kapelle in Rom. Das beschädigte Reliquiar in St. Peter in Rom ist ein deutlicher Beweis: Der Schleier mit dem Christusbild, das Tuch der Veronica, wurde mit Gewalt entwendet. All das, was später als Tuch der Veronika in Rom gezeigt wird, ist immer nur ein undurchsichtiges Stuck Stoff, das Reliquiar von 1350 jedoch, welches aus zwei Bergkristallscheiben besteht, war für einen durchsichtigen Stoff gedacht, für ein Bild, das man auf beiden Seiten betrachten kann. Außerdem ist es belegt, dass diese zwei Kristallscheiben seit dem Jahre 1618 beschädigt sind, dem Jahre, in dem die Reliquie verkauft wurde. Das Heilige Antlitz von Manoppello entspricht allen diesen Eigenschaften. Das Tuch mit dem mirakulösen Bild wurde mit Gewalt nicht aus einem Haus in Manoppello, sondern aus der St. Peter Basilika selbst, oder aus dem benachbarten Archiv entwendet. All das, was in der “Relatione” mit einem späteren Datum als 1618 berichtet wird, hat dagegen historischen Wert. Donatantonio de Fabritiis ließ die Kapuziner nach Manoppello kommen und übergab Ihnen das Tuch mit dem Christusbild. P.Clemente di Castelvecchio schnitt den Umriss aus und Fra Remigio di Rapino legte ihn zwischen zwei Glasscheiben mit einem Rahmen aus Nussholz. Es sind dieselben Scheiben und Rahmen, die man noch heute bewundern kann. Im Jahre 1638 wurde die Reliquie mit dem Christusbild von Donatantonio de Fabritiis den Kapuzinern, die sich nun in Manoppello niedergelassen hatten, verschenkt. Im Jahre 1646 wurden sowohl die Schenkung als auch die “Relatione historica” im Rathaus von Manoppello notariell beglaubigt. Zum ersten Mal wird die Reliquie für die öffentliche Verehrung ausgestellt. Nur 40 Jahre später wurde eine Kapelle der Kapuzinerkirche dem Heiligen Antlitz gewidmet. Unter Papst Paul V wurden Sondermaßnahmen ergriffen, um die Entstehung von Kopien des Tuches der Veronica so gering wie möglich zu halten. Unter seinem Nachfolger Gregor XV (1621-23) wurden nur zwei Kopien angefertigt und alle weiteren wurden mit dem Kirchenbann bestraft und verboten. Unter Papst Urban VIII (1623-44) wurden alle Kopien nicht nur verboten, sondern zerstört. Die Kapuziner warteten bis 1646 mit der Beglaubigung der Schenkung der Reliquie und der “Relatione historica” durch eine öffentliche Urkunde, zwei Jahre nach dem Tod von Urban VIII.